NORMALITÄT

 

Was ist überhaupt „Normalität“? Schauen wir uns den Begriff „Normalität“ genauer an, Verstehen wir darunter, dass sich Finanzmärkte normalverteilt, also der Gaußschen Glockenkurve folgend, entwickeln. Zum Beispiel hätten Kursverluste von 4% oder mehr gemäß Gauß im Zeitraum von April 2007 bis Februar 2016 nur an 2 Tagen eintreten dürfen. Tatsächlich lag deren Häufigkeit bei etwa 20 Tagen. Der große Fehler liegt in der Unterschätzung verlustreicher Marktbewegungen und somit das Verlustrisiko des Anlegers in eklatanter Weise. Nicht zufällig wurde die Gaußsche Verteilung im 19. Jahrhundert „Fehlergesetz“ genannt. Hat die Finanzkrise also tatsächlich das Ende der Gaußschen Glockenkurve eingeläutet? Eines haben uns die Krisen der letzten 30 Jahre hoffentlich gelehrt. Das Auftreten Schwarzer Schwäne in Form von unerwartet großen Kursausschlägen sind keinesfalls wirklich überraschend.

 

Demokratie lebt vom Mittelweg

Eine einfache Rechnung zeigt: Unter Gaußschen Bedingungen sollte beim Dow Jones ein Tagesverlust von fünf oder mehr Prozent etwa alle 1.000 Jahre vorkommen. Ein undenkbar seltenes Ereignis. Im Rückspiegel betrachtet tritt ein Verlust in diesen Größenordnungen jedoch im Schnitt alle 18 Monate ein. Die eigentliche Überraschung ist nicht die Häufigkeit hoher Kursverluste an den Finanzmärkten, sondern dass das von dem Franzosen Louis Bachelier im Jahre 1900 eingeführte Normalverteilungsmodell für Kursentwicklungen in der Finanzwelt bis heute vorherrschend ist. Die meisten Kapitalmarktteilnehmer bauen ihre Prognosen ob bewusst oder unbewusst auf diesen falschen, mathematischen Grundannahmen auf. Und merken dabei gar nicht, welch eklatanten Fehler sie dabei begehen. Dabei beherrscht diese Denkweise nicht nur die Finanzwelt. Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft entscheiden sich häufig für den goldenen Mittelweg. Für sie scheint es der ideale Mittelweg zu sein, der zwischen zwei Extremen liegt. Denn eine Entscheidung zwischen den Extrempunkten ist für viele Individuen mit sehr großen Anstrengungen verbunden. Daher wird der nicht ganz so strapaziöse Mittelweg gewählt. Der Kompromiss hat sich heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen durchgesetzt. Mittlerweile kommt keine politische Entscheidung im demokratischen Entscheidungsprozess an diesen Zugeständnissen vorbei. Den griechischen Philosophen der Antike war jedoch schon bewusst, dass das Glück nicht in der Mitte liegt, sondern in den Extrembereichen zu suchen ist. Doch in unserem Sprachgebrauch ist das Wort „extrem“ gleichbedeutend mit unmoralisch, also mit schlecht. Wohingegen das Wort „normal“ auf das Wort „Mitte“ hinweist, also gut.

 

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Bullen aus Glas